Im Freilandmuseum ist Recycling nichts Neues

Das Schäferhaus aus Gerolzahn ist ein Beleg dafür, dass Recycling schon in früheren Zeiten aktuell war.Recycling ist ein aktuelles Thema. Viel wird heutzutage dafür getan, um die verschiedensten Dinge wieder dem Wertstoffkreislauf zuzuführen. Aber Recycling ist kein neues Thema. Wiederverwertung wurde schon früher groß geschrieben. Vorangegangenen Generationen war der Wert von Gebrauchsgegenständen möglicherweise viel bewusster, als das heute bei manchen Zeitgenossen der Fall ist. Sie lebten allerdings auch unter Bedingungen, unter denen Wiederverwertung oder Reparatur weit günstiger war als Neuanfertigung oder Neukauf. Als Beleg dient ein Besuch im Odenwälder Freilandmuseum in Gottersdorf.



Wenn man es etwas flapsig formulieren möchte: Das ganze Museum ist im Grund ein großer Recyclinghof. Das fängt schon bei den Häusern an sich an. Die wären, stünden sie nicht im Museum, längst Spitzhacke und Abbruchbirne zum Opfer gefallen. So bieten sie den Besuchern Einblicke in die Alltagswelt unserer Vorgänger. Und das geht bei der Innenausstattung weiter. Lauter Dinge, die auf dem Müll gelandet wären, jetzt aber weiter einem wichtigen Zweck dienen. Nämlich der Vermittlung von individueller Geschichte.

Wie gesagt, Recycling ist nichts Neues, keine Erfindung der letzten Jahrzehnte. Das sieht man etwa am Schäferhaus aus Gerolzahn im Museum. Das sticht schon durch seine blaue Farbe hervor. Aber auch durch seine Baugeschichte. Denn das Haus wurde hinsichtlich seiner Holzbestandteile aus den Resten anderer Häuser gebaut. "Das erlaubt uns Rückschlüsse auf die wirtschaftliche Situation des Bauherrn", sagt Museumsleiter Thomas Naumann im Gespräch mit den Fränkischen Nachrichten. Und der war kein Hirte. Und kein reicher Mann:
 Das Schäferhaus aus Gerolzahn ist nicht als Schäferhaus von der Gemeinde errichtet worden, "dazu hat es sich erst später entwickelt", so Naumann weiter. Es war immer in Privatbesitz. Erbaut wurde es als eingeschossiges Haus 1870 von einem Tagelöhner. Der Ursprung des Hauses ist allein archivalisch zu klären. "Die naturwissenschaftliche Jahresringanalyse des Holzes führte dagegen zu keinem Ergebnis", so Naumann weiter zur Hausgeschichte. "Viele Balken stammten aus verschiedensten abgerissenen Gebäuden. Die Baukosten sollten offensichtlich möglichst niedrig gehalten werden. Ein deutliches Zeichen für die ökonomische Schwäche des Bauherrn. Dass wenig Geld vorhanden war, wird auch am bloßen Stampflehmboden deutlich, der zur Bauzeit des Hauses im Wohnbereich ausreichen musste."
Haus liegt voll im Trend

Trotz aller Sparmaßnahmen: Den Kredit, den der Tagelöhner trotz Ausnutzen aller Verbilligungsmöglichkeiten für den Hausbau aufnehmen musste, konnte er nicht mehr zurückzahlen. Das Haus fiel an den Kreditgeber und gelangte 1905 in das Eigentum von Barbara Katharina Schäfer. Als nacheinander zwei Schafhirten, August Streun und nach ihm Heinrich Schmieg einheirateten, bürgerte sich im Dorf allmählich die Bezeichnung "Schäferhaus" für das Gebäude ein. "Die Bauweise war damals ein Makel, heute würde der Tagelöhner voll im Trend liegen", sagt Naumann zu dem Haus und seinem Bauherrn.

"Recyceln war damals überhaupt ein ganz gewöhnliches Verhalten, wenn man auch den Begriff noch nicht kannte", so Naumann im Rückblick. "Kleidung, Schuhe, alles, was am Körper getragen wurde, Gebrauchsgegenstände aller Art, Werkzeug - vieles wurde damals immer wieder repariert, Teile in neuer oder anderer Funktion wieder verwertet, Kleidung von größeren Kindern an die kleineren weiter gereicht." Das sieht man auch wieder beispielsweise an den Handwerkertagen, die das Museum veranstaltet. Etwas weggeworfen wurde erst, wenn es gar nicht mehr anders ging. "Recycling war damals nichts Besonderes", sagt Thomas Naumann. "Und der Bau des Schäferhauses reiht sich da ein." In dieser Ausprägung habe er das allerdings in der Region nicht mehr gefunden.  Was für die Häuser als Ganzes gilt, ist auch bei der Einrichtung der Häuser so. Viele Dinge, die sonst unrettbar verloren wären, dienen im Museum der Dokumentation des Alltags früherer Zeiten. "Diese Einrichtungsgegenstände wären alle weg", sagt Naumann. Und: "Sie haben im Museum in einem neuen Kontext einen neuen Wert und eine andere Funktion."

In ihrer Gestalt aber bleiben sie erhalten. Während etwa eine Plastiktüte auf ihrem Weg durch den Recyclingkreislauf zum Kugelschreiber oder zum Dämmmaterial beim Hausbau werden kann, bleibt im Museum der Stuhl ein Stuhl oder der Herd ein Herd. So erfüllen sie ihre Funktion bei der Darstellung von Geschichte.

Die Magazine des Museums sind voll. Auf dem Speicher des Verwaltungsgebäudes und auf dem Dachboden des Hauses Schüßler stapeln sich die musealen Gegenstände. Da findet man alles Mögliche. Betten, Schränke und Möbel aller Art, Lampen, Bügeleisen, Kruzifixe, Wandbilder und alles Erdenkliche an Hausrat. Die Liste ist lang. Und in Gerolzahn sind in einer Scheune zudem landwirtschaftliche Großgeräte untergebracht. "Wir können nichts mehr annehmen, nur noch Besonderheiten. Da blutet einem manchmal schon das Herz. Aber alleine räumlich sind uns nun einmal Grenzen gesetzt."  Ganz am Anfang, als das Museum noch in den Kinderschuhen steckte, in der Aufbauphase, "da hatten wir ein wenig Sorge, ob wir überhaupt genug Material bekommen, um die Häuser auszustatten", erinnert sich Naumann zurück. "Aber als das Freilandmuseum im Jahr 1990 eröffnete und die Besucher der Region merkten, welch oft einfachen Hausrat wir benötigten, da gingen sie auf die Dachböden und in die Winkel ihrer Häuser und Höfe und brachten uns die nicht mehr benötigten alten Einrichtungsgegenstände haufenweise." Hierfür ist er der Bevölkerung sehr dankbar.

Die Masse der gesammelten und ausgestellten Einrichtungen stammt aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seltener aus der Zeit des 19. Jahrhunderts. Noch weiter zurück sind es häufig Einzelstücke, aber keine komplette Einrichtung. Eine Ausnahme bildet jedoch das Obergeschoss des Hauses Schüßler. "Hierfür konnten wir sogar zusammenhängende Einrichtungsgegenstände aus dem 18. und frühen 19. Jahrhundert erwerben."

Mancher trennt sich nur schwer von Dingen, die alle in der Familie eine eigene Geschichte haben. "Da hängen dann viele Erinnerungen dran. Und da spielt auch Pietät eine Rolle." Das sind oft Sachen, die Oma oder Opa oder den Eltern gehört haben. Die wollen viele nicht einfach wegwerfen, auch wenn sie niemals mehr in Gebrauch sind. "Bei Euch im Museum hat es noch einen Zweck", das hört Thomas Naumann dann öfter. "Dieses Weiterbestehen von Dingen an anderer Stelle in anderer Zeit, mit neuer Funktion und in anderem Kontext - das ist auch eine Art Recycling."
Historische Stühle für den Gast

Und ganz am Schluss des Gesprächs weist Thomas Naumann noch auf ein markantes Beispiel von Wiederverwertung hin. Der Holzlehnstuhl, auf dem der Besucher Platz genommen hatte und von dem im Besprechungsraum der Museumsverwaltung mehrere der gleichen Art stehen, stammt aus dem Jahr 1925. "Die hat der frühere Walldürner Bürgermeister Dr. Trautmann angeschafft. Es sind historische Stühle aus dem Sitzungssaal des Gemeinderates im Walldürner Rathaus." Manche kommunalpolitische Aufgabe wurde auf diesen Stühlen besprochen, viele wichtige Entscheidungen getroffen; auf Stühlen, die so hart waren wie die damaligen Zeiten.

Derartige robuste Sitzgelegenheiten mögen so manche Entscheidung beschleunigt haben. Heute bevorzugt man weicheres Material. Die alten ehrwürdigen Stühle aber dienen heute als Sitzgelegenheit in der Museumsverwaltung und sind ein weiteres Beispiel für praktiziertes Recycling.

(c) www.fnweb.de Ralf Marker

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